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Kiel: Ausstellungen »radius of art«

 

In Kiel fanden Ausstellungen unter dem Titel »radius of art« im November 2008 statt: Es wurden an insgesamt zwölf Schauplätzen im Stadtgebiet, darunter Galerien, Ausstellungsräume und Orte im öffentlichen Raum, Arbeiten von 23 teilnehmenden Künstlerinnen aus Europa und Nahost gezeigt. Der größte Teil der im Folgenden beschriebenen Arbeiten lag im Bereich Video-Art, neben Objekten, Fotoarbeiten, Malerei und Grafik. Kuratiert wurde die Ausstellung vom Kieler Galeristen Ulrich Horstmann in Zusammenarbeit mit der Künstlerischen Leiterin des Projekts Anke Müffelmann und der Kuratorin des Residency-Programms Adrienne Goehler.

Im Flandernbunker erwartete die Besucher eine Ausstellung u.a. mit Beiträgen von Jawad Al Malhi aus Jerusalem, der sich mit der Zeit als flüchtigem Element befasst: Bei »All that remains« werden Wasser und Rauch mit ihren fließenden Bewegungen auf die massive Wand des Bunkers projiziert.

Durch die Reduzierung des Wassers auf die Darstellung seiner spiegelnden Oberfläche wird eine Fragilität in der Bewegung sichtbar, die in einen Dialog mit der rauen Starrheit des geschichtsträchtigen Raumes tritt. Mohamed Fahmy aus Kairo zeigte ebenfalls im Flandernbunker eine Videoinstallation, die mit viel Ironie kulturelle und gesellschaftliche Stereotypen entlarvt: » UP YOURS « (dt.: »Du kannst mich mal!«) Make up: Perfekt! Haare: Top! Outfit: Sexy! Doch nur die Wenigsten können diese Idealvorstellung erfüllen, die in den Medien skizziert wird. So auch das Cover-Mädchen. Sie ist Protagonistin in einer Rolle, von der sie sich befreien muss, um ihre Identität neu zu (er-)finden. Die Arbeit von Ghassan Maasri aus Beirut realisierte an der Außenseite des Bunkers eine Installation aus Plastikstühlen, die an den Turmbau zu Babel erinnerte. Eine zweite Arbeit des Künstlers mit dem Titel »each day« (Videoinstallation) entstand während einer mehrtägigen Vorbereitungsphase direkt für den Ausstellungsort in Kiel. Larissa Sansour hinterfragt in ihrer Arbeit » SBARA « die von westlichen Medien geprägten Vorstellungen über die Bevölkerung

des Nahen Ostens und thematisiert dabei die Angst vor dem Unbekannten.

In den beiden Kirchen der Heiligengeistgemeinde wurden die Arbeiten zweier Künstlerinnen gezeigt, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Thema Krieg auseinandersetzen. Die Pauluskirche beherbergte großformatige Arbeiten aus bemaltem Schaumstoff von Dina Shenav aus Tel Aviv, die zu der Serie »Game over« gehören. Als Motivvorlage dienten allgegenwärtige Bilder des Krieges aus der Presse. Ruthi Helbitz Cohen ebenfalls aus Tel Aviv beschäftigte sich in der Ansgarkirche mit Fabelwesen, Kreaturen, die zwischen Mensch und Tier, zwischen Realität und Traum angelegt sind. Gerade der Widerspruch zwischen der kindlich wirkenden Ästhetik der Arbeit und der sich eröffnenden grausamen Thematik verdeutlicht die Empfindung der Ohnmacht gegenüber dem Krieg.

Mariella Mosler aus Hamburg zeigte im Atelier Birgit Brab drei Arbeiten aus der Serie »Viollet« (eine Reminiszenz an den Architekten und Theoretiker Viollet-Le-Duc, 1814 1879). Die Werke bestehen aus unterschiedlich bearbeiteten Glasplatten, die hintereinander geschichtet sind; Risse durchziehen das Material, werden hinterfangen durch Nachzeichnungen aus Weißgold. In dieser ornamentalen Ästhetik ist sowohl die Assoziation mit filigran gearbeiteten Kirchenfenstern als auch mit gewaltsamer Zerstörung eingeschrieben.

Im Kunstraum K34 zeigten Maayan Amir und Ruti Sela aus Tel Aviv ihre Trilogie »Beyond Guilt« (Video). Sie thematisieren den Einfluss von Besatzung, Terror und Militär als Konstituenten israelischer Identität selbst in privaten Räumen und Momenten scheinen etwa sexuelle und politisch-militärische Identität untrennbar miteinander verbunden zu sein.

Der Iltisbunker bot Raum für eine Ausstellung von sieben Künstlerinnen, hier zeigte u.a. Michal Brezezin´ski aus Lodz seine in Israel entstandene Arbeit IDEAL LOGIC [ I am not a painter of prison walls]. Dieser Bildkommentar verdeutlicht, wie schwierig es ist, Kunst frei von politischen Einflüssen

zu halten, in einem Land, in dem die politische Situation und ihre Brisanz ständig präsent sind. Wouter Osterholt und Elke Uitentuis aus den Niederlanden begaben sich auf die Suche nach schwarz-rot-goldenen Fahnen im Stadtbild. Drei Tage lang fotografierten Osterholt und Uitentuis die Überreste des Sommers 2006. Nüchterne Aufnahmen belegen, dass selbst zwei Jahre nach der Weltmeisterschaft immer noch Fahnen an den Fenstern hängen, wie Fixpunkte einer Suche nach nationaler Identität. Lukasz Ogórek aus Lodz hat in Alexandria sein Projekt »The Search for the

Sufi « entwickelt: Die Arbeit spiegelt die Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Sufismus wider, welchem er im Zuge seiner Beschäftigungen mit den großen Weltreligionen begegnete. Dabei ist der Werkstoff »Wolle« ebenso wichtig wie die verschiedenen unsichtbaren Ebenen der Bildübertragung. Das Material verweist zudem auf die mögliche Wurzel des arabischen Ausdrucks Sufi (Wolle). Gezeigt wurde auch ein Video von Doron Solomons : Seine Themen stehen in einem engen Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Cutter beim israelischen Fernsehen. Er übernimmt sowohl die Ästhetik, als auch die Wirkungsweisen der Medienbilder. Durch diese Mittel produziert er das Bild einer Gesellschaft, die zwischen Traditionen und Problemen der Moderne hin- und hergerissen ist.

Im Kunstraum B verknüpfte Katalin Schaak aus Berlin in ihrer Photoinstallation »Floading Cairo« George Orwells Science Fiktion »1984« mit ihren eigenen Eindrücken von Kairo. Die Bilder der Stadt gleichen auf den ersten Blick denen einer x-beliebigen Großstadt. Bei genauer Betrachtung wird jedoch eine Montage deutlich, welche die Motive auf apokalyptische Weise transformiert. Khaled Jarrar aus Ramallah präsentierte Portraits von jungen Leuten in Dresden mit sog. »Palästinenser-Tüchern«, die immer wieder als Accessoire bei Jungendlichen im Stadtbild anzutreffen waren. Es entwickelte sich die Frage nach nationalen Motiven und Symbolen, sowie deren Kontextualisierung und Neuinterpretation.

Guy Saggee aus Tel Aviv gestaltete in der Galerie Unartic die Posterserien »Summercamp« und »build-rebuild-resist« begleitend zur Videodokumentation der israelischen Multimediakünstlerin

Jael Bartana. Diese zeigt wie die Organisation Israeli Committee Against House Demolition (ICAHD)

hilft, vom israelischen Staat zerstörte palästinensische Häuser wieder aufzubauen. Mit einer anderen Arbeit mit dem Titel » WE DID NOT TRY HARD ENOUGH « versucht er mit einer bildhaften Verbindung von Alphabet und Märchen, das Verhältnis von Juden und Deutschen zu rekapitulieren. So formuliert der Künstler letztendlich die Frage: Maybe we could have tried harder?

In der Umtrieb-Galerie für aktuelle Kunst wurden zwei Videoarbeiten gezeigt: Lasse Lau aus Brüssel präsentierte seinen neuesten Film »Pine Nuts«, der vom Hrosh Beirut, einem Park im Zentrum Beiruts, erzählt. Dieser eher dokumentarischen Arbeit stand das sehr persönliche Video »Goodnight« von Doron Solomons gegenüber, in dem der Künstler von seinem Sohn mit Spielzeugen überhäuft wird.

Filipa César aus Berlin zeigte im Werkhof die Installation »Le Passeur«: Die Künstlerin untersucht in zwei Videodokumentationen den Einfluss von Emigration und Flucht anhand historischer Ereignisse während der Salazar-Diktatur in Portugal diese wurden vor- und rückseitig auf eine freihängende Leinwand projiziert. Nermine El Ansari zeichnete Zukunftsvisionen für das Jahr 2945 in Form von Photocollagen, die mit Szenerien in einem Sportstadion spielen.

»The Psychogeography of Loose Assoziations«, eine Vortrags-Performance des ägyptischen Künstlers Sherif El Azma aus Kairo, lieferte im Brunswiker Pavillon Versatzstücke von wissenschaftlichen Belegen mit visuellem Anschauungsmaterial wie Tabellen, Fotos und Videoausschnitten.

Pola Sieverding nutzt für ihre Plakate im öffentlichen Raum die Korrespondenz zwischen Wort und Bild, Form und Symbol. Bereits die Nennung des Begriffs »Palästina« ruft in jedem Betrachter eine innere Landkarte ab, die beladen ist mit politischen, religiösen und/oder sozialen Fragestellungen.

Studierende der Christian-Albrechts-Universität Kiel boten an den vier Sonntagen im Ausstellungszeitraum Führungen an. Sie waren Teilnehmende des zweisemestrigen Seminars "kunst feld forschung / forschung feld kunst" am Kunsthistorischen Institut unter der Leitung von Dr. Susanne Schwertfeger. Sie besuchten einzelne Künstler an ihren Residency-Orten und erstellten im Dialog mit ihnen umfangreiches Textmaterial zu einem Reader (pdf).